Irene Andessner ist Milli Stubel-Orth. Die Künstlerin begibt sich freiwillig in die Abhängigkeit, in den Strudel männlicher Bemühung um gebundene Unabhängigkeit, in die beispiel- hafte Unterwerfung. Die Milli, das ist keine bedeutende Frau, sie lebt durch ihren Geliebten, Erzherzog Johann, den Habsburger, der keiner mehr sein wollte - und sich einen bürgerlichen Namen nach seinem Gmundner Schloss gab ... heute lebt sie nur noch durch ihn. Er ist der Casus. Sie ist der kleine Anlass. Eine lebenslustige und manchmal eben auch schwermütige, entaristokratisierte, merkwürdige Karriere.
Diese kleine Milli holt Irene Andessner aus der Versenkung, der unvermeidlichen Verschüttung und stattet sie aus, macht aus ihr eine Königin, kurzzeitig eine Königin der Nacht, eine Königin der Helligkeit, des ephemeren Lichtes. Die kleine Tänzerin und der große Erzherzog, der auf dem Zwischen- boden als Johann Orth eine bürgerliche Existenz aufbauen wollte: Ein Ständedrama. Auf der Seite des Habsburgers ein dunkles Kapitel, auf der Seite Millis der strahlendste, hellste Teil ihres Lebens. Eine merkwürdige Hoffnung verband die beiden, eine Sehnsucht, die bei der Überfahrt nach Südamerika vor Kap Horn im Juli des Jahres 1890 - kurz vorher hatten die beiden (endlich!) geheiratet, in sturm- gepeitschten Meeresfluten unterging, um damit zum Mythos zu werden.
Das Licht, das Milli ausstrahlt, ist elektrisch erzeugt. Das ist modern. Technisch erzeugtes, seinem Prinzip nach ewiges Licht, über das der menschliche Wille beliebig verfügen kann. “Und es ward Licht“. Seit es elektrisch wird, ist die Schöpfung auch in dieser Hinsicht überholt. Es bedarf der Natur nicht mehr. Die Faszination, ja Begeisterung gegen- über dem elektrischen Licht wie überhaupt dem Elektrischen gegenüber, wie sie das späte 19. Jahrhundert kannte, gibt es heute nicht mehr.
Auch das war einmal neu, ja extravagant. Der Leitfaden einer Zeit, die sich von grenzenlosen technischen Möglichkeiten umgeben sah. Womöglich hat Milli wirklich einmal in einem solchen Kostüm getanzt und Johann hat ihr dabei zugesehen. Denn der auch künstlerisch ambitionierte „Gianni“ hat ein Ballett geschrieben, „Die Assassinen“, in dem die Tänzerinnen mit elekrischen Glühbirnen am Kostüm und in den Haaren auftraten. Es wurde 1883 an der Wiener Hofoper uraufgeführt, eben dort, wo die Balletteuse Ludmilla Hildegard Stubel tanzte.
Fotoproduktion: Polaroid-Kamera 20 x 24 Inch (ca. 50 x 60 cm) Kamera, Filmnegativ, Video Beta SP;